Impfungen spielen bei der Duchenne-Muskeldystrophie (DMD) eine entscheidende Rolle beim Schutz der Patienten vor vermeidbaren Infektionen, die zu schweren Komplikationen führen können. Die Duchenne-Muskeldystrophie ist eine fortschreitende genetische Erkrankung, die durch Muskelschwund gekennzeichnet ist und die Skelett-, Atem- und Herzmuskulatur betrifft. Da die Atemmuskulatur bei DMD allmählich schwächer wird, können Infektionen wie Grippe, Lungenentzündung und COVID-19 viel schneller lebensbedrohlich werden als in der Allgemeinbevölkerung.
Die Einhaltung eines aktuellen Impfplans bei Duchenne-Muskeldystrophie trägt dazu bei, das Risiko schwerer Infektionen, Krankenhausaufenthalte und Atemwegskomplikationen zu verringern. Viele Menschen mit Duchenne erhalten auch eine Langzeittherapie mit Kortikosteroiden, was Einfluss darauf haben kann, wie bestimmte Impfstoffe – insbesondere Lebendimpfstoffe – verabreicht werden sollten.
In diesem Leitfaden erklären wir, welche Impfungen Patienten mit Duchenne-Muskeldystrophie erhalten sollten, warum diese wichtig sind und was Familien über die Impfsicherheit bei gleichzeitiger Kortikosteroidtherapie wissen sollten.
Inhaltsverzeichnis
Warum Impfungen für Duchenne-Patienten wichtig sind
Kinder und Erwachsene mit Duchenne-Muskeldystrophie sind besonders anfällig für Komplikationen durch Atemwegsinfektionen. Die fortschreitende Schwächung des Zwerchfells und anderer Atemmuskeln erschwert es dem Körper, Schleim abzutransportieren und Infektionen zu bekämpfen. Mehr erfahren: Erhaltung der Lungenmuskulatur bei Duchenne
Wenn Menschen mit Duchenne Atemwegserkrankungen entwickeln, können folgende Symptome auftreten:
- Schwere Symptome der oberen Atemwege
- Schwierigkeiten beim Abtransport von Atemwegssekreten
- Reduzierter Sauerstoffgehalt
- Sekundäre bakterielle Infektionen
- Erhöhtes Risiko für Lungenentzündung und Krankenhausaufenthalt
Impfungen helfen, diese Infektionen zu verhindern, bevor sie überhaupt auftreten. Auch wenn Impfungen eine Erkrankung nicht vollständig verhindern können, reduzieren sie häufig deren Schweregrad, verkürzen die Genesungszeit und senken das Risiko von Komplikationen. Mehr erfahren: Infektion bei Duchenne
Aus diesen Gründen empfehlen führende Gesundheitsorganisationen wie die Centers for Disease Control and Prevention (CDC), die American Academy of Pediatrics (AAP) und Spezialisten für neuromuskuläre Erkrankungen dringend, dass Menschen mit Duchenne-Muskeldystrophie gemäß den üblichen Impfplänen vollständig geimpft bleiben.
Auch Familienmitglieder und Pflegepersonen sollten geimpft bleiben, um ein schützendes Umfeld (Herdenimmunität) um den Patienten herum zu schaffen.
Impfstoffarten verstehen
Impfstoffe regen das Immunsystem an, schädliche Krankheitserreger zu erkennen und bei Kontakt schnell zu reagieren. Es werden hauptsächlich zwei Arten von Impfstoffen verwendet.
Inaktivierte (nicht lebende) Impfstoffe
Inaktivierte Impfstoffe enthalten abgetötete Viren oder Bakterien oder nur Teile des Krankheitserregers. Diese Impfstoffe können die Krankheit, vor der sie schützen, nicht auslösen.
Zu den gängigen Typen gehören:
- Subunit-Impfstoffe – enthalten Bruchstücke eines Krankheitserregers
- Konjugatimpfstoffe – Kombination von Krankheitserregerkomponenten mit Proteinen zur Verbesserung der Immunantwort
- Toxoid-Impfstoffe – Verwendung inaktivierter Toxine
Für Menschen mit Duchenne-Muskeldystrophie sind inaktivierte Impfstoffe sicher, auch für Patienten, die täglich Kortikosteroide einnehmen.
Beispiele hierfür sind:
- Grippeimpfung
- Pneumokokken-Impfstoffe
- Tdap (Impfstoff gegen Tetanus, Diphtherie und Keuchhusten bei Erwachsenen)
- Hepatitis B
- HPV
- Inaktivierter Polioimpfstoff
Lebendimpfstoffe
Lebendimpfstoffe enthalten abgeschwächte Viren oder Bakterien. Diese Impfstoffe rufen in der Regel eine starke und lang anhaltende Immunität hervor.
Bei Menschen mit geschwächtem Immunsystem – darunter auch einige Personen, die hochdosierte Steroide einnehmen – können Lebendimpfstoffe jedoch Risiken bergen.
Beispiele für Lebendimpfstoffe sind:
- MMR (Masern, Mumps, Röteln)
- Varizellen (Windpocken)
- Grippeimpfstoff als Nasenspray (Sollte von Personen mit Duchenne- oder Becker-Muskeldystrophie unabhängig von der Steroidanwendung vermieden werden.)
Bei Patienten mit Duchenne-Muskeldystrophie ist bei Lebendimpfstoffen besondere Vorsicht geboten, insbesondere wenn eine Steroidtherapie durchgeführt wird.
Überlegungen zu Lebendimpfstoffen und Steroidtherapie
Bei der Duchenne-Muskeldystrophie wird häufig eine Langzeittherapie mit Kortikosteroiden eingesetzt, um den Muskelabbau zu verlangsamen und die Muskelfunktion zu erhalten. Allerdings können Steroide das Immunsystem unterdrücken.
Aus diesem Grund muss die Verabreichung von Lebendimpfstoffen je nach Steroiddosis gegebenenfalls vermieden oder verschoben werden.
Die Richtlinien der CDC besagen:
Niedrig dosierte Steroide
Patienten, die weniger als Folgendes erhalten:
- <2 mg/kg/Tag Prednison oder
- <2,4 mg/kg/Tag Deflazacort (Emflaza)
Sie gelten im Allgemeinen nicht als immungeschwächt, und Lebendimpfstoffe können bei Bedarf verabreicht werden. Konsultieren Sie aber in jedem Fall Ihren Arzt.
Hochdosierte Steroide
Patienten, die Folgendes erhalten:
- ≥2 mg/kg/Tag Prednison oder
- ≥2,4 mg/kg/Tag Deflazacort
gelten als immunsupprimiert und sollten daher in der Regel Lebendimpfstoffe vermeiden.
Mehr lesen: Kontraindikationen und Vorsichtsmaßnahmen
Erwachsene und ältere Kinder
Personen, die Folgendes einnehmen:
- ≥20 mg/Tag Prednison, oder
- ≥24 mg/Tag Deflazacort
Lebendimpfstoffe sollten generell vermieden werden, es sei denn, die Steroiddosis wird vorübergehend reduziert.
Falls eine Lebendimpfung erforderlich ist, können Ärzte empfehlen, die Steroiddosis einen Monat vor und einen Monat nach der Impfung zu reduzieren.
Intermittierende Steroiddosierung
Patienten, die eine intermittierende Steroidtherapie erhalten (z. B. Wochenenddosierung oder alternierende Tagesschemata), gelten in der Regel nicht als immunsupprimiert, was bedeutet, dass bei Bedarf Lebendimpfstoffe verabreicht werden können.
Vamorolone (Agamree)
Da die immunsuppressiven Wirkungen von Vamorolon noch untersucht werden, sollten Familien vor der Verabreichung von Lebendimpfstoffen neuromuskuläre Spezialisten konsultieren.
Empfohlene Impfungen für Kinder mit Duchenne-Muskeldystrophie

Die Einhaltung des empfohlenen Impfplans schützt Menschen mit Duchenne vor schweren Infektionen.
Nachfolgend sind die wichtigsten Impfungen aufgeführt, die für Duchenne-Patienten empfohlen werden.
Grippe- und Pneumokokkenimpfstoffe
Grippeimpfstoff
Die jährliche Grippeimpfung ist eine der wichtigsten Impfungen für Menschen mit Duchenne-Muskeldystrophie.
Eine Grippeinfektion kann aufgrund der Schwächung der Atemmuskulatur zu schweren Atemwegskomplikationen führen.
Wichtigste Empfehlungen
- Alle Duchenne-Patienten sollten jährlich gegen Grippe geimpft werden.
- Die Grippeimpfung zum Einspritzen wird empfohlen, weil sie inaktivierte Viren enthält.
- Von einer Nasenspray-Impfung sollte abgeraten werden, da es sich um einen Lebendimpfstoff handelt.
Auch wenn die Grippeimpfung eine Infektion nicht vollständig verhindern kann, verringert sie häufig den Schweregrad der Erkrankung und das Risiko einer Krankenhauseinweisung.
Auch Familienmitglieder sollten sich jährlich gegen Grippe impfen lassen, um die an Duchenne erkrankte Person zu schützen.
Pneumokokken-Impfstoffe
Pneumokokken-Bakterien können schwere Infektionen verursachen, wie zum Beispiel:
- Lungenentzündung
- Blutstrominfektionen
- Meningitis
Da Patienten mit Duchenne-Muskeldystrophie anfälliger für Atemwegskomplikationen sind, wird eine Pneumokokkenimpfung dringend empfohlen.
Mehr erfahren: Empfehlungen zur Pneumokokkenimpfung
Aktuelle Empfehlungen könnten Folgendes umfassen:
- PCV13 oder PCV15 im frühen Kindesalter
- Folgeimpfung mit PCV20 oder PPSV23
- Prevnar13 (PCV13) wurde 2010 für die Anwendung bei Kindern und 2011 für die Anwendung bei Erwachsenen zugelassen. PCV13 schützt vor 13 Arten von Pneumokokken-Bakterien, die bei Kindern und Erwachsenen die schwersten Erkrankungen verursachen. PCV13 hat den vorherigen Pneumokokken-Impfstoff PCV7 ersetzt.
- Vaxneuvance (PCV15) wird 2021 für Erwachsene und 2022 für Kinder zugelassen. PCV15 schützt vor 15 Arten von Pneumokokkenbakterien, die häufig schwere Erkrankungen bei Erwachsenen verursachen.
- Prevnar20 (PCV20) wird im Jahr 2023 für die Anwendung bei Personen ab 6 Wochen zugelassen. PCV20 schützt vor 20 Arten von Pneumokokkenbakterien, die häufig schwere Erkrankungen bei Erwachsenen verursachen.
- FDA genehmigte Pneumovax 23 (PPSV23) im Jahr 1983. Es hilft, vor schweren Infektionen durch 23 verschiedene Arten von Pneumokokkenbakterien zu schützen.
Mehr lesen: Sicherheit des Pneumokokkenimpfstoffs
Diese Impfstoffe bieten einen Langzeitschutz gegen bakterielle Lungenentzündung und andere Pneumokokken-Erkrankungen.
COVID-19-Impfung bei DMD
Bei Menschen mit Duchenne-Muskeldystrophie kann COVID-19 aufgrund der Beteiligung der Atem-, Herz- und Skelettmuskulatur zu schweren Komplikationen führen.
Die Impfung gegen COVID-19 verringert das Risiko von:
- Schwere Krankheit
- Krankenhausaufenthalt
- Atemversagen
Medizinische Organisationen empfehlen, dass Personen mit Duchenne-Muskeldystrophie die COVID-19-Impfung und Auffrischungsimpfungen erhalten, sobald sie die Voraussetzungen dafür erfüllen.
Mehr lesen: COVID-19-Impfung & Duchenne
Auch Familienmitglieder und Betreuungspersonen sollten geimpft werden, um das Ansteckungsrisiko zu minimieren.
Familien sollten den Zeitpunkt und die Anspruchsberechtigung mit ihrem neuromuskulären Spezialisten oder Hausarzt besprechen.
Weitere empfohlene Impfungen
Für Menschen mit Duchenne-Muskeldystrophie werden außerdem mehrere Routineimpfungen empfohlen, da diese vor schweren Infektionen schützen.
Dazu gehören:
Tdap-Impfstoff (Impfstoff gegen Tetanus, Diphtherie und Keuchhusten bei Erwachsenen)
Schützt vor:
- Tetanus
- Diphtherie
- Keuchhusten
Eine Tdap-Auffrischungsimpfung wird alle 10 Jahre empfohlen.
Hepatitis-B-Impfstoff
Schützt vor Leberinfektionen durch das Hepatitis-B-Virus.
Dieser Impfstoff wird üblicherweise im Kindesalter verabreicht, kann aber auch für Erwachsene empfohlen werden, die bisher nicht geimpft wurden.
Inaktivierter Polio-Impfstoff
Die Polio-Impfung ist wichtig für den lebenslangen Schutz vor einer Poliovirusinfektion.
Meningokokken-Impfstoff
Schützt vor Meningokokken-Bakterien, die Meningitis und Blutvergiftungen verursachen können.
HPV-Impfstoff
Die Impfung gegen humane Papillomviren hilft, Krebserkrankungen zu verhindern, die mit einer HPV-Infektion in Zusammenhang stehen.
Es wird typischerweise für Jugendliche und junge Erwachsene empfohlen.
Impfplan für Duchenne-Muskeldystrophie
Der Impfplan für die Duchenne-Muskeldystrophie orientiert sich im Allgemeinen am üblichen Impfplan für die Allgemeinbevölkerung, wobei besondere Aspekte im Hinblick auf Lebendimpfstoffe und Steroidtherapie zu berücksichtigen sind.
Zu den wichtigsten Empfehlungen gehören:
- Wenn möglich, sollten die Impfungen im Kindesalter vor Beginn einer Langzeittherapie mit Kortikosteroiden abgeschlossen werden.
- jährliche Grippeschutzimpfung erhalten
- Den Pneumokokken-Impfschutz auf dem neuesten Stand halten
- COVID-19-Impfung und Auffrischungsimpfungen erhalten
- Regelmäßige Impfungen während des gesamten Erwachsenenalters beibehalten
Patienten sollten ihre Impfunterlagen zu ihren Terminen in der neuromuskulären Abteilung mitbringen, damit die Ärzte sicherstellen können, dass alle empfohlenen Impfungen auf dem neuesten Stand sind.
Praktische Tipps für Familien
Familien, die ein Kind mit Duchenne-Muskeldystrophie betreuen, können den Schutz verbessern, indem sie folgende Strategien befolgen:
- Führen Sie einen vollständigen Impfpass.
- Teilen Sie die Impfdaten mit allen Gesundheitsdienstleistern.
- Stellen Sie sicher, dass Familienmitglieder und Betreuungspersonen geimpft sind.
- Vor der Verabreichung von Lebendimpfstoffen sollten Sie einen Spezialisten für neuromuskuläre Erkrankungen konsultieren.
- Halten Sie sich über die aktualisierten Impfempfehlungen auf dem Laufenden.
Impfungen gehören nach wie vor zu den wirksamsten Methoden, um schwere Infektionen bei Duchenne-Muskeldystrophie zu verhindern.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Sollten Duchenne-Patienten die üblichen Kinderimpfungen erhalten?
Ja. Die meisten routinemäßigen Kinderimpfungen werden auch für Menschen mit Duchenne-Muskeldystrophie empfohlen. Inaktivierte Impfstoffe sind auch bei Einnahme von Kortikosteroiden sicher.
Sind Lebendimpfstoffe für Duchenne-Patienten sicher?
Lebendimpfstoffe können für einige Duchenne-Patienten sicher sein, erfordern jedoch eine Beurteilung auf Grundlage der Steroiddosis und des Immunstatus. Ärzte können empfehlen, Lebendimpfstoffe zu vermeiden oder zu verschieben.
Warum ist die Grippeimpfung für Duchenne-Patienten so wichtig?
Eine Grippeinfektion kann bei Menschen mit Duchenne aufgrund der geschwächten Atemmuskulatur schwere Atemwegskomplikationen verursachen. Eine jährliche Impfung reduziert das Risiko deutlich.
Können Patienten mit Duchenne-Muskeldystrophie den COVID-19-Impfstoff erhalten?
Ja. Eine COVID-19-Impfung wird dringend empfohlen, da Duchenne-Patienten ein erhöhtes Risiko für schwere Komplikationen durch Atemwegsinfektionen haben.
Sollen Familienmitglieder geimpft werden?
Ja. Die Impfung von Haushaltsmitgliedern trägt dazu bei, den Duchenne-Patienten vor der Ansteckung mit Infektionskrankheiten zu schützen.
Abschließende Gedanken
Sich über Impfungen bei Duchenne-Muskeldystrophie auf dem Laufenden zu halten, ist für den langfristigen Gesundheitsschutz unerlässlich. Vermeidbare Infektionen können für Menschen mit geschwächter Atemmuskulatur gefährlich werden.
Die Einhaltung der empfohlenen Impfungen bei Duchenne-Muskeldystrophie trägt dazu bei, das Risiko schwerwiegender Komplikationen und Krankenhausaufenthalte zu verringern. Familien fragen häufig, welche Impfungen für Duchenne-Patienten notwendig sind, insbesondere bei einer Steroidtherapie. Die meisten Standardimpfungen sind weiterhin sicher und werden dringend empfohlen.
Jährliche Grippe- und Pneumokokkenimpfungen sind besonders wichtig. Auch die COVID-19-Impfung bietet einen entscheidenden Schutz. Konsultieren Sie vor der Verabreichung von Lebendimpfstoffen immer einen Spezialisten für neuromuskuläre Erkrankungen. Die Aktualisierung von Impfunterlagen unterstützt eine koordinierte Versorgung. Mit der richtigen Anleitung bleibt die Impfung ein wirksames Mittel zum Schutz von Menschen mit Duchenne.
Quellen und wissenschaftliche Referenzen
- Zentren für Krankheitskontrolle und -prävention (CDC). Impfrichtlinien.
- Amerikanische Akademie für Kinderheilkunde (AAP). Impfplan.
- Birnkrant DJ et al. Diagnose und Behandlung der Duchenne-Muskeldystrophie. Lancet Neurologie. 2018.
- Bushby K et al. Überlegungen zur DMD-Behandlung. The Lancet Neurology. 2010.
- Muskeldystrophie-Vereinigung (MDA). Impfempfehlungen für neuromuskuläre Erkrankungen.



